Denkwerk - Gedichtauswahl

ERKENNTNIS

 

Der Blick gen Himmel war Aufbruch,

Ein Bruch, der im Kern Verdopplung war,

Begleitet von gellendem Gelächter.

Wer Gestalt sah, sah sie bald als solche,

Sah in der Solchen das Allgemeine

Und gebar die Idee, welche,

Zerbrechend an der Erfahrung,

Die Unschuld des reinen Sehens alsbald verlor.

Aus der Bruchlinie erstanden seltsamerweise 

Gestaltlose, ohne Terrain,

Heimatlos, erfahrungslos,

Schwemmten allesamt

Durch die Ideengeschichte,

Mal gut genährt, mal halb verhungert,

Blieb ihr Skelett stets lebendig.

Das Ungreifbare begreifen,

So will es begriffen werden,

Dort draußen, wo unser inwendiger Geist,

Nach Sein, nach Gott und Freiheit sucht.

 

 

GESCHICHTE

 

Der Blick zurück zerbricht

Im Jetzt des Noch-zu-Handenen,

Legt Brüche und Risse

Ins Mosaik,

Ersteht kollektive Subjekte auf.

Gleichmütig erzählt er weiter,

Je länger, desto größer sein Vergessen:

Auch Kollektive bergen Unbewusstes,

Leise Leerstellen der Geschichte.

Wirkmächtig steuern sie

Die narrative Form,

Die uns scheinheilig

Aus des Menschen tiefsten Zeiten

Wie Wirklichkeit begegnet.

Am Ende braucht der Mensch

Den Wert, den er sein eigen nennen darf,

Tritt auf ihm im Hier,

Das im Dort der Geschichte versinkt.

 

 

ETHIK

 

Der Mensch bedarf der Tugend,

Damit er sich erhebe

In gleich gesinntem Sein,

Das sich vorzüglich selbst gebietet.

 

So wird Moral zur Wahl des Selbst

Im Andern, der ich auch je bin.

Die Andern machen mich zum Wir,

Wenn wir uns aneinander leiten.

 

Was uns auch leite, es gereiche uns

Zum Prinzipiellen, wohlbegründet will es sein,

Und spiegelt uns auf uns zurück,

Was unser Geist an Menschlichkeit vermag.

 

 

MENSCH

 

Ein Sonderling absonderlich

Am Rande seines Selbst,

Stanzt ein Ding heraus,

Stellt es brüchig in das Sein

Von Jetzt und Hier und So.

Macht uns lachen,

Stellt es schlüssig, diesmal

Über Jetzt und Hier und So

Und macht uns wesen.

Nur Neinsager können 

Eine Welt haben,

Sie gegen sich stellen,

Ihr Sosein überwältigen,

Asketisch und nimmersatt

Aus unentrückter Mitte.

 

 

WAHRHEIT

 

Wenn Philosophie ein Streben sei

Nach Wahrheit,

Ist der Philosoph dann nicht

Ein Zielverehrer, ein Steuermann, 

Dessen Trachten ein Wollen, 

Das zu weit hinaus will?

Ist der Philosoph nicht ein Lenker, 

Der vergaß

Sein eigenes Gelenkt-Werden?

Ist dies‘ Sehnen nicht 

Ein Strecken, ein Versteifen, 

Ein Über-spannen – in Wahrheit?

Können Stützen, die emporragen

Uns jemals tragen,

Uns thronen,

Wenn ihr Wurzelwerk

Am falschen Ende?

 

 

NATUR

 

Natur, kann ein Gedicht 

Von deiner Einheit sprechen,

Es selbst schon zerfällt?

Dich sieht, wie du blühst

In der Einheit deiner Gesetze,

In der Allheit deiner Objekte,

Unsere Welt erschaffst,

Unsere Erfahrungen verknüpfst,

Uns zu Subjekten machst,

Dich zu schauen als das Ganze,

Dein Sein in unserem Denken zu einen.

Zu einen, was Vieles ist,

Zu einen, was Teile hat,

Dich anfangslos, endlos, ortlos zu denken.

So ruht unser bewegtes Ahnen

Nur scheinbar, anders du:

Bist weder Ruhe, noch bewegt,

Bist ungeschieden, ungleich zu allem,

Darin du Einheit bist –

Das Eine nicht,

Wie ein Gedicht.

 

 

KULTUR

 

Das Wort verdunstet in den Äther

Es kaum gesprochen ist,

Mit jeder Seele stirbt

Gedächtnis und ein Leben.

So stürbe auch der Mensch,

Bevor er sich gewesen ist,

Bevor sein Handeln und sein Geist

Ihn über sich erheben.

Vermag er doch die Dauer

Zu zeichnen in die Zeit,

Zu ordnen und erhalten

Spektrale von Graphemen.