Wie sollen wir mit Fehlern umgehen?

In unserer Gesellschaft hat der Fehler kein besonders hohes Ansehen, er wird unhinterfragt als Mangel angesehen, als etwas, das der Korrektur bedarf. Ein Fehler im Diktat, eine fehlerhafte Steuererklärung, ein Kleidungsstück mit einem Fehler, ein fehlerhaftes Verhalten – hier wird schnell der Ruf nach „Richtigstellung“ laut. Eine derartige Forderung macht jedoch nur Sinn auf Basis einer Erwartung, die zur Norm erhoben worden ist. Unsere hypertechnisierte und komplexe Gesellschaft zeichnet sich in dieser Hinsicht durch eine hohe Erwartungshaltung, Normierungswahn und geringe Fehlertoleranz in allen Lebensbereichen aus. Natürlich machen strikte Erwartungshaltungen und Normierungen Sinn, wenn es um Risikofragen geht, die dem Menschen potenziell Schaden zufügen können. Hier wird der Fehler zu Recht als zu behebender Mangel stigmatisiert und angemahnt. Wie sieht es jedoch in anderen Lebensbereichen unseres Alltags aus, in denen von Fehlern die Rede ist? Brauchen wir eine andere Fehlerkultur?

 

„Du hast einen Schönheitsfehler.“ Diesen Satz möchte niemand über sich hören, da er eine ästhetische Schwachstelle in seiner ästhetischen Gesamterscheinung ausmacht. So entwickelt sich der Schönheitsfehler im Handumdrehen zum Zentrum eigener und fremder Wahrnehmung. Alles, was nicht Schönheitsfehler ist, mitunter auch Schönes, gerät an den Rand der Wahrnehmung. Das Wissen, dass man mithilfe ästhetischer Medizin,  Fitnessstudio, Fitness-App, Make-up oder Fashion, kurz: mithilfe der unzähligen Möglichkeiten der „Fehler-Ausbesserungs-Industrie“ den Fehler beheben kann, bringt uns in ein Dilemma. Sind wir nicht dazu verpflichtet, Fehler zu beheben, weil wir es können? Hier kann uns die Philosophie mitunter beruhigen. Ironischerweise mit Verweis auf einen Fehlschluss, den wir möglichst vermeiden sollten: Aus einem Sein folgt nicht notwendig ein Sollen, so der berühmte „Sein-Sollen-Fehlschluss“, d.h. nur weil wir es könn(t)en, müssen wir uns nicht moralisch zum Ausbessern eines Fehlers verpflichtet fühlen. Das eigentliche Problem liegt allerdings tiefer, wenn wir das, was ist („wir haben die Mittel“) bereits als gut verstehen, ohne dass wir Sinn, Nutzen und Wert hinterfragen. Selbst gut gemeinte Dinge können uns auf einen falschen Weg bringen.

 

„Du hast einen Fehler begangen.“ Wer Fehler macht, ist fehlbar, er irrt sich, hat sein Ziel verfehlt, ist schuldig. Diese Ableitungen haben alle einen negativen Beigeschmack, sofern der Fehler als Defizit gedacht wird. Denkt man ihn als Voraussetzung, Lernansatz, Chance, Innovations- oder Kompensationsmöglichkeit - als Positivum -, dann wird der Fehler zu einem Mittel konstruktiver Wirklichkeitsbewältigung, das gerade im Verfehlen sein Ziel erreicht. Einen Fehler einzugestehen ist aus solcher Perspektive geradezu ein Lob an sich selbst. Allerdings ist Vorsicht geboten. Beim Eingestehen von Fehlern, die vorsätzlich begangen worden sind, hat das Eingeständnis häufig nichts mit ehrlicher Einsicht bzw. Reue zu tun, wie es uns Wirtschaft und Politik des Öfteren vormachen, wenn ein professionelles Fehlermanagement abgespult wird, um zu retten, was noch gerettet werden kann.

 

Wie kann also eine wirklich wertschätzende Fehlerkultur aussehen? Eine Fehlerkultur, die Menschen nicht nur als Leistungsmaschinen, die Fehler anderer nicht nur als eigenen Vorteil, die Perfektionismus als ein notwendig immer wieder scheiterndes Missverhältnis zur Realität sieht. Auf dieser Basis kann überhaupt erst Fehlertoleranz entwickelt werden. Sie bedeutet zu sehen, was da ist und nicht, was fehlt, sie bedeutet mehr Bescheidenheit im Umgang mit sich selbst und anderen, sie bedeutet weniger Angst vor Versagen. „Irren ist menschlich“ wusste schon der römische Philosoph Seneca, wir scheinen diese fundamentale Einsicht zwischenzeitlich vergessen zu haben.

 

© Dirk Büsken