Seelennachtgrenzgänge - Gedichtauswahl 

AUFLÖSUNG

 

Rieb mir die Augen,

Blieb blind zurück.

Saugte gierig an einem Geräusch,

Hing taub in der Welt.

So wie mein Sprechen

Erstarb meine Sprache.

Kroch mühsam umher,

Griff mit zerfurchten Händen 

Nach Worten aus Stein.

Weiß nicht, ob sie meine waren.

 

 

STACHELHERZ

 

Läufst mir in die Arme

Und stirbst in ihnen,

Leise blutend an meinem Stachelherz.

 

 

GEDANKENROSEN

 

Ein welkes Café-Schiff im Sprühregen entlässt 

Dunstwolken aus klapperndem 

Sprach-Geschirr.

Am Steuer ein Blumen-Kapitän,

Sein Schweigen dirigiert

Die ziellose Arche Noah

Zum Rosen-Leuchtturm.

Jener Duft streichelt die Noch-Fein-Sinnigen

Und wendet ihre Gesichter sekundenweise

Ins gleißende Licht 

Entrückter Geist-Kultur.

 

 

STADTSCHATTEN

 

Mein Blick gleitet an dir vorbei,

Unmerklich, unsterblich,

Verwandelt sich und dich

In gefrorenes Mosaik.

Entlebt uns, entatmet uns

Von der Glieder Fluss

Und stanzt uns in diesseitiges Jenseits

Bis ein greller Schrei

– Niemand weiß woher –

Uns in tausend Stücken treibt

Ins unbändige Meer.

 

 

AUTOPOET

 

Erwarte keine Ehre, denn

Ich sehe dich von hinten,

Seh dich sitzen in Verzweiflung

Vor Papier, das langsam spricht.

Was du gebärst in deinem Kopfe

Wird Falten ziehn auf deiner Haut,

Wird Gabe sein, wenn deine Braut 

Dich küsst und lässt

Versöhnung singen jenem Kampf.

Wenn aus deinem Antlitz

Menschen sich befreien,

Dann löst sich alter Knoten

In die Weite und du dich.

Dann schreite, schreite

Bis du dich siehst: mich.

 

 

NIETZSCHE

 

Nun bäum dich auf, Mensch!

Zu zäh fließt du vorbei an der Zeit,

Sodass Geschichte dich einholen kann.

 

Nun schau dich an, Mensch!

Dieses maskenhafte Spiel, immer noch ...

Kein Schnitt beseitigt dir diese ewige Falte.

 

Nun lach dich frei, Mensch!

Dieser Zustand entbindet dir

Den jüngsten Sohn:

Er giert nach Lebenslust.

 

 

NACHT

 

Sanft legst du dich auf den Tag

Und bringst den wohlverdienten Schlaf,

Atmest tief und ruhig, erhaben und weise,

Ich spür dir nach und reise

Mit dir durch Raum und Traum.

Mir zeigend, wer ich wirklich bin

Versteh ich dich mehr und mehr,

Kehrst ewig wieder wie die Flut im Meer:

Bist der Tod und raffst die Illusion dahin.

 

 

ZUGREISE

 

Ein Gemälde, das niemals still steht.

Meine Augen kleben an den Horizont-Wolken,

Doch garstig schlingert das Naturschöne

Erdseitig am Gemälderand vorbei.

Rücklings zum Ziel ist es, als könne ich

In die Vergangenheit blicken.

Eine Endlos-Schleife im ‚Heterotopos’,

Der in sich zerfließt, sobald die Gegenwart

Ihn festhalten möchte.

Dieses horizontale Ziehen ist wie ein

Atemloses Ausatmen in eine Bilderflut,

Als die Ebene eintritt: Ich steige aus.

 

 

ANDERNORTS

 

Wo niemals wir waren, andernorts,

Nach langer, welker Reise, leise,

Wird das Leben uns entbinden.

 

Welches auch das letzte Wort,

Es wird uns finden,

Uns binden an den Anders-Ort.

Dann reise, leise,

Und lausche deiner Seele.