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Autokonzerte: Einsam gemeinsam

Not macht erfinderisch, so heißt es und so ist es, wenn aktuell die Musik- und Kulturszene neue Formen der Darbietung ersinnt, um ein (Über-)Lebenszeichen zu setzen. Auch in Köln und seinem Umland ist die skurril anmutende Aufführung von Konzerten auf Parkplätzen oder Autokinos mit im Auto „abgeschirmten“ Fans zu beobachten. Das Auto, von jeher des Deutschen liebstes Kind, wird zur effektiven Immunisierungsmaschine und verdeckt als solche für die Dauer des Konzerts seinen Wesenskern: Grenzenlose Mobilität als Freiheitsversprechen. Geradezu auf den Kopf gestellt wird diese Maxime, denn die Umstände zwingen die auto(immobilen) Besucher in den begrenzten Kubus ihres parkenden Gefährts – freiheitsberaubt erobern sie dennoch ein Stück Freiheit zurück.

Doch was bedeutet dies für die Beziehung zwischen Künstler und Publikum? Kann die Aura als eine besondere Form der Ausstrahlung des Künstlers durch Blech und Kunststoff hindurchwirken? Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892-1940) hat den Begriff der Aura in Bezug auf Kunstwerke im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit eingeführt. Nun sind Künstler keine Kunstwerke und sie sind auch nicht technisch reproduzierbar. Stellen wir uns jedoch für einen Moment vor, das Autokonzert sei ein Kunstwerk, eine Performance, ein Happening, eine künstlerisch verfremdete Aussage über die Wirklichkeit. Der Ver- und Entfremdungseffekt wäre jederzeit spürbar. W. Benjamin versteht Aura als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ und meint damit die Unnahbarkeit zwischen Publikum und Künstler oder Kunstwerk unabhängig von einer räumlich geteilten Nähe. Auf den ersten Blick scheint in dieser Hinsicht auf dem Autokonzert Aura und Einzigartigkeit möglich, denn räumliche Nähe ist durchaus da. Bei genauerem Hinsehen erkennt man gleichwohl, dass für das Aufscheinen von etwas ganz Besonderem die Unnahbarkeit des Künstlers durch das Automobil zu einer Ferne wird, so fern sie sein mag. Am Ende, längst wieder Zuhause, mag es geschehen, dass einige sich nicht mehr sicher sind, ob sie womöglich nur die Aufzeichnung eines Konzerts gesehen haben.


© Dirk Büsken

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